Beides ist schwer zu beschreiben. Das Experiment: Zeitung geht auf einen Wachtraum zurück, auf einen kurzen, klaren und vielversprechenden Wachtraum. Und während das Experiment: Zeitung lief, fragte mich nicht nur meine nähere, zusehende oder betroffene Umgebung, warum ich mir diese Arbeit antäte - ich fragte mich hin und wieder auch. Das Experiment: Zeitung ist zu Ende und ich weiß jetzt, warum ich mir das antat!
Die Idee
Die Idee wurde auf seltsame Weise geboren. Ich saß inmitten einer großen Gruppe von SchulleiterInnen und hörte - nicht zum ersten Mal - die wesentlichen Gründe für eine Qualtätssicherung des Schulbetriebs. Wahrscheinlich deshalb, weil mir die Ziele und Argumente nicht neu waren, stahl sich meine Konzentration ein wenig an den Rand des Vortrags ohne ganz auszublenden und begann um den Kern der Debatte zu kreisen: Wenn Qualität gesichert werden soll, muss sie in irgend einer Form vorhanden sein. Aber wo ist sie, die Qualität, die doch so offenbar in jeder Schule vorhanden ist - auch in unserer?
Müsste ich ein Bild unserer Schule wiedergeben und zöge ich dafür die Begebenheiten heran, die mir im Laufe des Schulalltags unterkommen, ergäbe das ein düsteres Bild. Denn offenbar landen in erster Linie Probleme bei mir, jedenfalls Mühsames und Unbewältigtes, Grenzüberschreitung und Hilflosigkeit.
Warum kommt aber niemand zu mir und teilt mit, was gelungen ist, was außerordentlich gut gelungen ist? Nun: wahrscheinlich würde ich es auch nicht tun ... Es scheint nicht angebracht zu sein, über sich selbst lobende Worte zu finden. Bescheidenheit verschleiert Qualität ...
Die Zeitung
Aus diesen kreisenden Gedanken kristallisierte sich eine greifbare Möglichkeit heraus. Und entlang der Linien des Vortrags über die Sinnhaftigkeit von Qualitätssicherung ergab sich ein Argument nach dem anderen, die Qualität unserer Schule mit einer Zeitung sichtbar zu machen.
Die wesentlichen Merkmale einer solchen Zeitung zeichneten sich in dieser frühen Phase überraschend deutlich ab.
Das Format (A3), die Farbe des Papiers (hellblau), die Erscheinungsweise (wöchentlich), das Redaktions- und Produktionsteam (ich - allein), die Begrenzung des Erscheinens (12 Nummern), die Auswahl der Beiträge (alle Beiträge aller Personen in unserer Schule) und die Einbindung in den Schulbetrieb (Projekt) standen fest, bevor die Vorträge zur Qualitätssicherung zu Ende gingen. Aus diesen Eckpunkten entstanden dann auch die "Spielregeln", die in der Nummer 0 der "Ortnergasse wöchentlich" abgedruckt sind.
Die Zweifel
Die Idee zur Zeitung verfolgte ich dann geraume Zeit, weil mir die sofortige Umsetzung problematisch erschien. Sie schien mir eine "aufgesetzt" Idee zu sein, nichts, was von vorn herein allgemeine Absicht oder gemeinsames Agieren darstellte. Eine zusätzliche Arbeit zum ohnehin überreichlichen Aufgabenkatalog des Unterrichts eben. Wahrscheinlich nicht einmal ein erfolgversprechendes Vehikel zur Darstellung der eigenen (gelungenen) Arbeit. Viel zusätzliche Arbeit und/oder eine Belastung für das schlechte Gewissen derer, die sich nicht beteiligen würden. Eine zweifelhafte Idee.
Dann wandte ich mich mit meiner Idee an die LehrerInnen, gleich mit einem fixen Konzept, mit deutlicher Arbeitsteilung und mit einer genauen Darstellung meiner Absichten. Es sollte keine Unklarheit aufkommen. Die Zeitung sollte ein Forum für eine bestimmte Zeit sein, das von allen genutzt werden konnte, um Alltag der Schule darzustellen oder um sich selber darzustellen. Sie sollte keine Verlängerung des Deutschunterrichts sein oder eine Aufforderung zur Fleißaufgabe.
Nichts dergleichen. Ich betonte daher, dass eine Zeitung nicht nur geschrieben wird - sie muss auch gelesen werden. Es sollte sich also niemand zu irgend etwas verpflichtet fühlen. Die Teilnahme am Projekt konnte durchaus auch passiv sein: Das Wahrnehmen von Qualität ist gleichwertig der Darstellung von Qualität, jedenfalls in diesem Projekt.
Meine Zweifel wurden gleich im Anschluss an die Vorstellung des Projekts erweitert, weil ich sehr dringlich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass eine Zeitung dem Wesen nach die Absicht hätte, Reporter auszusenden, die über etwas aus subjektiver Sicht berichten, was sie nicht selbst verantworten müssten. Mein etwas hilfloses Gegenargument war, dass diese Zeitung vorwiegend Magazin-Charakter haben sollte. Solche Zeitungen gäbe es doch auch. Überzeugend war das wohl nicht.
Die Nummer 0
Das Projekt war damit aber fixiert. Der Widerspruch fand nicht statt. Die Seufzer "Warum tust du dir diese Arbeit an?" konnte ich ruhig und in totaler Ahnungslosigkeit dessen, wie sich das Projekt entwickeln sollte, als Aufmunterung auffassen.
Weil die Zweifel noch immer nicht ausgeräumt waren, wurde aus dem Projekt, dem Vorhaben ein Experiment, das Experiment: Zeitung. Der Ausgang war ungewiss, die Folgewirkungen nicht absehbar.
An dieser Stelle wurde mir deutlich: Wenn der Versuch, Qualität der Schule darzustellen und wahrzunehmen, auch das Potential zur Polarisierung in sich trug zwischen denen, die sich daran beteiligen wollten, und jenen, die das ablehnten, dann kann das nur bedeuten, dass die verbreitete Vorstellung obsolet ist, dass Schule nur dann Qualität hat, wenn über das Schulprogramm Konsens aller Beteiligten vorliegt.
Mit der Nummer 0 war das Experiment: Zeitung - unaufhaltsam - unterwegs: Und wenn jede der angekündigten Nummern nur eine leere Titelseite hätte, würden die 12 Nummern erscheinen. Auch das wäre eine Aussage über den Zustand der Schule.
Die Nummer 0 hatte noch Platz im Schaukasten neben dem Schultor.
Die Beiträge
Ich hatte überhaupt keine konkrete Vorstellung von der Art der Beiträge, was wohl mit meinen Zweifeln zusammenhing.
Erst als die ersten Beiträge von den Kindern kamen, bestätigte sich mir, dass es meistens nur des Anlasses bedarf um zu schreiben. Die Zeitung bot reichlich Anlass.
Ich wollte die Beiträge nach einer einfachen Regel annehmen oder ablehnen: sie sollten in jedem Fall frei verfasst sein, als Text oder als Bild. Und sie sollten druckreif sein, wenn es sein musste mit zur Verfügung gestellter Hilfe (Computer, Scanner, digitale Kamera ...). An genau dieser Frage entstand dann die Polarisierung, die nicht besonders bemerkt wurde: Die Kinder gaben ihre Beiträge ab mit der Sicherheit, dass ihre Arbeit die LeserInnen der Zeitung interessieren wird.
Die Erwachsenen vermittelten dagegen immer wieder einen Rest an Skepsis, ob ihr Artikel dem Urteil der LeserInnen Stand halten würde.
Es entstanden genau an dem Punkt Diskussionen, an dem sich klar abzeichnete, dass nur eine kleine Gruppe von LehrerInnen in der Zeitung veröffentlichten, dafür aber anhaltend und umfangreich. Die Diskussion - soweit sie zu mir vordrang - war über weite Strecken eine Ermutigung der Unentschlossenen.
In der Tat habe ich alle eingereichten Beiträge angenommen.
Die Namen und Autorenbilder
Eine Vorgabe durch die Spielregeln war, dass Artikel nur mit Namen und mit Autorenfoto erscheinen sollten. Damit wollte ich auch verhindern, dass die Bedeutung der AutorInnen verschwimmt und belanglos wird. Jeder Artikel sollte ein respektables Werk sein.
Ich bin sicher, dass dieser Aspekt den Kindern entgegengekommen ist, die sich entschlossen haben sich zu beteiligen. Natürlich könnte der Eindruck entstanden sein, dass das eigentliche Motiv für die Beteiligung die Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit gewesen sein könnte.
Dagegen spricht allerdings die hohe Zahl der Kinder, die geschrieben oder gezeichnet haben und die beachtliche Qualität der Beiträge. Von den 265 Kindern der Schule haben beinahe 100 Beiträge veröffentlicht - einige davon sehr regelmäßig.
Ich bin ziemlich sicher, dass von den meisten Kinder die Veröffentlichung mit Namen und Foto als eine besondere Wertschätzung erlebt wurde.
Die Geschichten
Wie selbstverständlich - jedenfalls ohne Frage - waren die meisten Artikel der Kinder Geschichten, freie Texte, Phantasien, witzige Texte oder - haarsträubende - Abenteuer.