Müde von den Kirschen


Caput.I.

correctio, onis, f. (corrigo) 1. Verbesserung; occ. Zurechtweisung
2. (rhet.) Berichtigung

Die Kinder haben uns etwas zu sagen.
Unsere Aufgabe ist es zu versuchen, Kinder und ihre Sprache zu verstehen - nicht umgekehrt. Niemand kann ernsthaft dem Kind die Verantwortung zuschieben, wenn ein Erwachsener es nicht versteht. Auch die burschikosesten LehrerInnen, die ihre kleinen Dummerln ja eh lieb haben und - soweit es ihre Geduld erlaubt - auch brabbeln lassen, sind schnell entlarvt, wenn man einmal einen kurzen Blick in die Kulissen ihrer Pädagogischen Theater riskiert. Leider sind die, die das am meisten tun, auch zugleich die Opfer der fröhlichen, blitzgrünen Krokodile und des süßen knüppelbewehrten Kasperls, der über dem faden Lesebuch schaukelnd behauptet, wie gescheit alle sein werden, wenn sie diese lustigen Seiten erst einmal gelesen hätten. Hinters Licht führen kann man den leicht, der neugierig auf jedes Licht zuläuft.

Die Sicht der Kinder verbessert unseren eigenen Blick. Dieser Verbesserung sich zu stellen bedarf es mehr Mut, als sich einfach in die handelsüblichen Zurechtweisungen zu flüchten, die ebenso schnell bei der Hand sind, wie sie langweilig werden.
Lassen wir uns auf die An-maßung der Kindersprache ein - Kinder nehmen ein anderes Maß. Mit keinen Mitteln läßt es sich beweisen, daß ein unübliches Maß nicht genauso gut ist, wie die geltenden Industriestandards, es ist höchstens unbequemer, weil nicht standardisiert.

Der Lehrer korrigiert.
Der Lehrer weiß, wie es richtig ist.
Der Lehrer hat recht, wenn er das Kind verbessert. Mit ein paar flinken Strichen des Rotstifts (oder eines pädagogisch wertvolleren grünen) richtet er her, was das Kind angerichtet hat. Er definiert den Standard, er zeigt dem Kind, wie es eigentlich sein sollte, wenn es könnte, wie er wollte.
Es zeugt zumindest vom Verlust jeglicher Neugier und Phantasie, wenn einem zu den meisten Äußerungen der Kinder nur noch eine Berichtigung einfällt. Fragt sich nur, was damit eigentlich berichtigt wird; was damit berichtet wird, ist wesentlich klarer zu erkennen:
Du hast schlecht gearbeitet.
Du hast dich nicht bemüht.
Du bist nicht, wie ich will.

Caput.II.

corrector, oris, m. (corrigo) Verbesserer: legum L; occ. Splitterrichter, Hofmeister

Aber der Rotstift erzählt noch viel mehr. Er erzählt davon, daß nur einer recht haben kann. Er behauptet, daß es für alles genaue Regeln gibt und daß sich jeder ins gleiche Maß zu zwängen hat.
Er macht sich auch lustig darüber, daß manche diese Regeln nicht kennen: Das sind die Dummen.
Der Rotstift ist ehrgeizig: Ihm, dem Verbesserer, entgeht nichts, was die Glätte der Normformen überragt. In allen Winkeln sucht er die Fehler, fährt in sie hinein wie der Hund in die Schar Hühner.
Der Rotstift fordert auf: Werde so wie ich, dann hast auch Du recht:
Die recht haben, das sind die Guten.

Kinder lieben Rotstifte.
Ihnen wohnt die Illusion der Macht inne: "Du sollst nicht mit Rot unterstreichen, das ist meine Farbe!" Der Lehrer entscheidet als Richter über gut und schlecht, und der Rotstift ist sein Hofmeister.
Doch in Wahrheit entscheidet der Lehrer nur selten selbst, meist plappert er nur nach:
Was im Lehrbuch steht, was die Lehrplankommission verordnet hat, was der Inspektor wünscht. Damit steht er im Gegensatz zu den Kindern, die kreativ mit der Sprache arbeiten, die ständig die sprachliche Abbildung der Welt aufs Neue versuchen, die die Welt damit dauernd neu er-finden.
Ihre Sprache ist ein Abenteuer, sie forschen darin und damit.

Dieses Abenteuer interessiert den Richter und seinen Rotstift wenig: Er hat besseres zu tun, er ver-bessert.
Doch gerade dort, wo ihm die Fehler zu arg werden und zu häufig, da kapituliert er gerne:
Statt die Seiten im Farbgemetzel zu ertränken, stiehlt er sich mit einem eleganten Spreizschritt quer übers Papier aus der Affäre. Richter und Delinquent begeben sich nicht aufs gleiche Niveau, wo kämen wir da hin?
Wer weiß!
Jedenfalls kommen wir dorthin, wo das Kind in einer Situation, in der es am meisten der Hilfe und auch der Erklärungen bedürfte, vor einer feinen roten Linie sitzt, die ihm aus dem Heft entgegengrinst.
Das klingt alles sehr dramatisch.
Ist es auch.

Caput.III.

rego 3. rexi, rectus 1. richten, lenken, leiten: naves velis, clavum das Steuer O, vestigia filo V; met. Erratem zurechtweisen, studia consiliis; occ. abstecken, Grenzen ziehen: terminos regni Cu, fines. 2. regieren, beherrschen, verwalten, führen: rem p., cohortes kommandieren T; abs. Obsequium regentis gegen den Regenten T.

Die Schulklassen sind voll von stummen Kindern.
"Wenn alles schläft und eine/r spricht, so nennt man dieses Unterricht." Würden wirklich alle schlafen, es wäre nicht so schlimm.
Tatsächlich aber lernen die meisten ziemlich widerstandslos das ihnen wieder und wieder eingetrichterte ABC der Selbstaufgabe:
A wie anpassen, B wie brav sein, C wie gehorchen.
Gutmachen wird dem Unterdrücken gleichgesetzt, und zwar dem Unterdrücken der Unmittelbarkeit, dem Unterdrücken der Lust, dem Unterdrücken der Freude zu sprechen, sich in der eigenen und eigentümlichen Weise auszudrücken, dem anderen - auch in der Sprache - zu begegnen.
Die Schulsprache sprechen heißt, den Weg des geringsten Widerstandes gehen.
Die eigene Sprache sprechen dürfen heißt, auch den anderen die seine sprechen lassen. Wenn jeder seine Sprache behalten darf, schließt niemand den Anderssprachigen aus, im Gegenteil: Er wird zur Bereicherung.
Leider sind die Schulen voll von Kindern, die ihre eigene Sprache an der Klassentüre abgeben müssen, um nicht ausgegrenzt zu werden. Um nicht ständig zurechtgewiesen zu werden, verstümmeln sie ihre Ausdruckfähigkeiten.
Sie ziehen die Grenze lieber in sich selbst.

Der Lehrer richtet, er lenkt und leitet:
Der Lehrer hält das Steuer fest in der Hand.
Der Lehrer, der das Steuer fest in der Hand hält, ist ein guter Lehrer.
Der gute Lehrer beherrscht, verwaltet, und führt, er regiert über die Eigenheit des Kindes, dessen Neigungen er in die rechten Bahnen weist:
Das zurechtgewiesene Kind ist ein gutes Kind.
Das ungebändigte Kind war immer schon verdächtig:

Excursio

Wir heben folgende Fälle hervor:
Neigung

  • zum Weinen,
  • zum Erschrecken,
  • zum sich Fürchten,
  • zu schnellem Aufbrausen,
  • zum Zorn,
  • zum Jähzorn,
  • zum raschen Zuschlagen,
  • zu hastigem Betragen,
  • zum Lachen und zur Ausgelassenheit,
  • zur Grausamkeit,
  • zu Phantasmen,
  • zu Illusionen,
  • zu Hallucinationen,
  • zu witzigen und drolligen Einfällen,
  • zur Zerstreutheit,
  • zum Täuschen und Hintergehen,
  • zur Einsamkeit, zu verstecktem Wesen, zum Verschweigen, Verhehlen,
  • zum Kritisieren,
  • zum Verläumden und Verdächtigen Anderer,
  • zum Neidischsein,
  • zum Necken,
  • zu dummen Streichen,
  • zum Anfassen fremder Gegenstände, mit ihnen sich zu befassen, sie zu untersuchen, zu Versuchen und zu Spielereien zu benutzen, u.s.w.

Positive Benennungen hierher gehöriger Fehler sind:

Naseweisheit.
Närrisches Betragen.
Naschen.
Neugierde.

(Zitat aus: Adolf von Strümpell (1853 - 1925): Die Kindheit als Krankheit, 1890)

Kapitel 5

kor-rekt; -este ; kor-rek-ter-wei-se; Kor-rekt-heit, die; -; Kor-rek-tion, die; -, -en (veraltet für [Ver]besserung; Regelung); kor-rek-tiv (veraltet für bessernd; zurechtweisend); Kor-rek-tiv, das; -s, -e [...v(] (Besserungs-, Ausgleichsmittel); Kor- rek-tor, der; -s, ...oren (Berichtiger von Manuskripten od. Druckanzügen); Ko-rek- to-rat, das; -(e(s, -e (Ab-teilung der Korrektoren); Kor-rek-to-rin; Kor-rek-tur, die; -, -en (Berichtigung (des Schriftsatzes(, Verbesserung); Kor-rek-tur-ab-zug, ...bo-gen, ...fah-ne, ...le-sen (das; -s), ...vor-schrif-ten (Plur.), ...zei-chen

Die Korrektur darf keine Technik des Herrschens und Beherrschens sein, im Gegenteil: Sie muß dienen und sich unterordnen. Denn Korrektur ist nicht einfach der kleine chirurgische Eingriff in die Anatomie von Wort und Text, sie macht nicht halt vor den einzelnen fehlerhaft geschriebenen Buchstaben. Sie greift in den Sinn ein und verändert ihn.
Die Kindersprache kann nicht ohne Schaden korrigiert werden. Ihre Lebendigkeit würde starren Regeln zum Opfer fallen, das Tasten und Suchen der Kinder nach Ausdrucksmöglichkeiten, ihre Wortspiele und Neuinterpretationen von Begriffen hätten darin keinen Raum.
Kinder lernen nicht durch Korrektur, sie lernen durch das Beispiel.

Die Schulsprache kann daher nur als erste Fremdsprache erlernt werden.
Sie hat feste Regeln und Gesetzte, sie ist somit korrigierbar.
Diese Schulsprache maßt sich an, mehr Sinn und Wert zu haben als die Kindersprache - und redet damit einer Geisteshaltung das Wort, die mit autoritärem Gepolter den einzelnen nur als kleines Rädchen in einer riesigen Maschinerie akzeptieren kann, das möglichst klaglos und widerstandsfrei den zugeteilten Dienst tut.
Sie maßt sich damit eine Position an, die ihr nicht zusteht.

Soll die Schulsprache - und mit ihr die Korrektur - Wert haben, muß sie etwas einbringen in die Eigensprache der Kinder, etwas, das vorher noch nicht vorhanden war: Sie muß also Ergänzung sein.

Sie hat dann Sinn, wenn sie etwas wieder(ein)bringt, das zuvor verloren oder verschüttet war:
Verständlichkeit, Klarheit, Genauigkeit.

Sie kann nur unterstützen, und zwar Vorhandenes.
Doch meist wird das, was vorhanden ist, im Korrekturverfahren geopfert: Was hätte ein gewissenhaft nach schulischen Erwägungen korrigierender Lehrer wohl aus folgendem Text gemacht:
Kinder wollen lernen.
Sie wollen wissen, ob das, was sie geschrieben haben, richtig ist.
Sie haben Spaß am Rhythmus der reglementierten Sprache, sie betrachten die Symmetrie und die korrekte, stereotype Wiederholung der neuen Schriftzeichen als geometrisches Spiel.
Sie bessern bereitwillig nach, was ihnen nicht gelungen ist.

Die Kinder der 1. Klassen wissen, daß ihre Striche nicht so perfekt gerade sind wie die im Schreiblehrbuch. Die Kinder der 4. Klassen wissen, daß sie weniger Stoff beherrschen als der mit seinen wissenschaftlichen Kenntnissen prahlende Lehrer.
Es ist daher nicht notwendig, ihnen diese Tatsachen dauernd vorzuhalten.
Sie betrachten die Schulsprache als zusätzliches Angebot, dessen Anwendung in ganz bestimmten Bereichen liegt.
Korrektur kann nur eine Neuinterpretation des Originals sein, die ihm bestenfalls gleichwertig ist. Sie muß mehr im Sinne von Mit-herrschen als von Vor-herrschen gesehen werden.
In der Erwachsenenwelt vereinfacht Korrektur durch ihre Normierung den Prozeß der Verständigung, sie reduziert aber auch die Vielfalt des Ausdrucks und führt zu sprachlicher Verarmung.
Für die Kinder hat eine solche Normierung keine Bedeutung, sie brauchen sie nicht. Die Sprache der Kinder geht auf Entdeckungsreise und probiert vieles aus.
Die Sprache der Schule ist belehrend und fordert ein.

Opfer der Korrektur werden beide, Korrigierender und Korrigierter:
Beide müssen sich beugen, wenn auch auf der jeweils anderen Seite des Klassenzimmers.

Conclusio

Laßt die Rotstifte liegen!
Erzählt den Kindern, was Ihr in ihren Geschichten gelesen und entdeckt habt und fragt nach, ob sie es auch so gemeint hatten - nicht nur der Unterricht muß differenziert und individuell sein!
Gebt ihnen Raum und Zeit zum Erzählen, zum Schreiben und Herumprobieren mit den Wörtern. Greift erst dann helfend ein, wenn sie Euch darum bitten.
Verbessert, indem Ihr die Geschichten neu schreibt! Redet Euch nicht aus auf die viele Arbeit - die Zeit, in der Euer Rotstift sonst die Texte entstellt, ist verlorene Zeit!
Seid geduldig und habt keine Angst, die Kinder würden nichts lernen:

Sie lernen nur nicht, sich von Anfang an selbst zu verstümmeln.

Zitate:
Der kleine Stowasser, Wien 1971
DUDEN Die deutsche Rechtschreibung, 1991
DAS ORGAN, Heft 1/91, Wien 1991
Christian Schreger
Christian Schreger

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