Von Schwätzern und Arbeitern |
Möglichkeiten der Beurteilung nach Célestin FreinetDas Individuum selbst muß die festen Grundlagen seines Lernens schaffen, wobei es die Möglichkeit haben sollte, auf Erwachsene und ein Milieu zurückzugreifen, die ihm hilfreich zur Seite stehen: In diesem Fall sprechen wir von Erziehung. Wenn man von außen dem Kind einen Rahmen von Verhaltensmaßregeln auferlegt, die seinen natürlichen Bedürfnissen fremd sind, sprechen wir von Dressur. Das notwendige Übel Notengebung und Beurteilung sind allen Reformversuchen zum Trotz von zentraler Bedeutung im heutigen Schulwesen. Oft hat man den Eindruck, der Unterricht fände nur zur Erzielung möglichst guter Noten statt oder würde rund um die Schularbeiten konstruiert. Nicht etwa das verwertbare Wissen, sondern das dafür geschaffene Tauschobjekt Note wird zum Ziel der Unterrichtsarbeit. Daraus läßt sich ein einfacher Schluß ziehen: Noten stehen dem lebensnahen Lernen im Weg. Im Gegensatz zu früher glauben auch die LehrerInnen längst nicht mehr so bedingungslos an die Aussagekraft der Noten, die Einsicht verbreitet sich, daß gute Noten keine Garantie für ein erfolgreiches späteres Leben bedeuten. Trotzdem ist der Großteil der Unterrichtszeit vom feinen Raster vorportionierter Etappenziele durchzogen, die jedem Kind ausreichend Gelegenheit zum Erlangen möglichst guter Noten bieten. Natürlich läßt es der gute, konventionell arbeitende Lehrer anders aussehen. Er kennt genügend Verkleidungen für das notwendige Übel Note: Später wäre das wichtig, sagt er, Ordnung muß sein, wie solle sich denn sonst jemand ein Bild machen können vom Wissen des einzelnen Schülers, und überhaupt: wer sich anstrengt, bekommt auch gute Noten. So ist das im wirklichen Leben. Vielen LehrerInnen stellt sich die Bewertung der Kinderarbeiten durch Noten aber auch gar nicht als Problem dar: Routiniert haben sie das gleiche Notensystem in ihre Arbeit übernommen, nach dem sie selbst in ihrer Schulzeit beurteilt worden waren wie vor ihnen ihre Eltern und Großeltern. Bedenkt man die Veränderungen und Entdeckungen, die in allen Gebieten, nicht nur im pädagogischen Bereich, seither geschehen sind oder gemacht wurden, so kann man über dieses hartnäckige Festhalten an einem antiquierten Bewertungssystem nur staunen. Statt der Schiefertafeln haben ja auch längst Hefte, sogar aus Umweltschutzpapier, Einzug in den Unterricht gehalten, nahezu jede Schule verfügt über einen Videorekorder und moderne Fotokopiergeräte, an vielen Schulen und auch in einzelnen Klassen sind Computer im Einsatz. Wer - außer einem passionierten Sammler - würde sich heute noch für einen Schwarzweißfernseher der ersten Generation entscheiden, wenn er die Wahl zwischen allen modernen Geräten hätte? Die Schule aber läßt keine Wahl. Sie fordert nach Jahren der Experimente in verschiedenen Schulversuchen und mit alternativen pädagogischen Strömungen, trotz der aktuellen Liebäugelei mit offenen Unterrichtsformen, nach wie vor eine Beurteilungsart, deren Lückenhaftigkeit und Einseitigkeit längst klar zutage getreten ist. Auch die Möglichkeit zur Verbalen Beurteilung kann nicht als Alternative anerkannt werden, da sie dem Gesetz nach nicht einmal auf allen Volksschulstufen anwendbar ist: Das Zeugnis der 4. Klasse muß ein Notenzeugnis sein - offenbar ist in den Augen des Gesetzgebers ein Hauptschul- oder AHS-Lehrer nicht in der Lage, anderes als Ziffernnoten in sein Unterrichtsbild einzupassen. Der hohe Stellenwert der Note in der Lernschule muß aber auch noch andere Gründe habe: Zum einen ist die Notengebung ein tradiertes System, das (zumindest in den Phantasien ihrer Befürworter) einfach und simpel zu handhaben ist - ein Blick genügt, und man weiß, was vom Beurteilten gehalten werden soll: Zeit ist Geld, und in einer Zeit, in der Geld im Bildungssektor fast ausschließlich in Bereiche der Höchstbegabtenförderung und der Elitenbildung fließt, weil der Höchstgebildete innerhalb kürzester Zeit auch die höchsten Gewinne verspricht, muß für die Mindergebildeten eben das recht sein, was schnell geht, und damit auch im wirtschaftlichen Sinn billig ist. Für Wenigerbegabte ein oft willkürlich angewandtes Druckmittel, spielen Noten für Höchstbegabte eine untergeordnete Rolle, sie sind allenfalls Spielzeug höherer Kategorie. In die Richtung einer deutlichen Aufwertung des elitären Wissen gehen die Bestrebungen selbst bei der Gestaltung der Volksschullehrpläne: Immer wissenschaftlicher wird vorexerziert und evaluiert, was kognitiv rezipiert werden soll. Leistung und Wissen darf sich nicht etwa von selbst bestätigen und beweisen anhand der Notwendigkeiten und Gegebenheiten des täglichen Lebens, nein: Spezialisiertes und abstraktes Wissen braucht auch spezialisierte und abstrahierte Versuchsanordnungen, um überprüft zu werden. Je komplexer und schwieriger, desto mehr steigt sein Wert. Und damit steigt auch der Wert der Überprüfungskommission, der Gralshüter dieses Wissens. Eigentlich müßten ja alle davon profitieren: Die Hersteller der Versuchseinrichtungen, die Damen und Herren Prüfer, und schließlich auch die durch soviel Wissenschaft aufgewerteten Prüflinge in ihrer Vorfreude auf goldene Sternchen - so fällt sogar für die Hersteller von Belohnungen aller Arten etwas ab. Alles mögliche Wissen kann auf diese Weise abgeprüft, getestet und qualifiziert werden, vom eigenen Namen bis hin zu den Prozessen während der Kernspaltung. Nur kompliziert genug muß alles wirken, sonst fehlt es schnell einmal an Respekt. Das wußten die autoritären Wissenschaftler schon seit jeher. Auch Freinet war sich am Ende seines Lebens dieser bitteren Komödie bewußt: Was nun Frankreich betrifft, so muß man hinzufügen, daß die Prüfungen - auch wenn sie keinen praktischen Nutzen haben - immer als individuelle Bezugsgrößen angesehen werden, genauso wie die Orden, die Urkunden, die zu allen Zeiten begehrt waren und eingerahmt wurden, oder wie die Medaillen. Eine schulische Organisation, die zum Ziel hätte, dies wegfallen zu lassen oder zumindest zu reduzieren, würde am übereinstimmenden Widerstand der Eltern scheitern. Dies sind nun einmal die Realitäten, und wir müssen sie zumindest im Moment berücksichtigen. Sich von der Notengebung zu verabschieden, hätte weitreichende Folgen. Schließlich könnte das Abgehen von der Notengebung auch als Eingeständnis eines lange Jahre hindurch gemachten Fehlers verstanden werden, und damit hat man ja bekanntermaßen in Österreich bis in die höchsten Gesellschaftsschichten nicht nur in Be- oder Gedenkjahren seine Probleme. Je festgefahrener eine Sache jedoch ist, desto interessanter wird alles, das an ihrer unantastbaren Position kratzt. Vielleicht lassen sich auf diese Weise sowohl Pikanterie und Reiz erklären, die die jährliche Medienberichterstattung über die frühsommerlichen Schülerselbstmorde für die breite Masse ausüben, als auch die schadenfrohe Anteilnahme der Bevölkerung an der Aufdeckung und außergewöhnlich strengen Reaktion der Behörde auf den sogenannten Wiener Maturaskandal: Fast schien es, als wäre die Staatssicherheit bedroht gewesen. Der Schwindel mit der Objektivität Am meisten betroffen aber muß es machen, wenn das System der Notengebung eine Gleichberechtigung aller Schüler vorgaukelt: Alle würden nach dem gleichen Prinzip behandelt und beurteilt, da gäbe es keine Unterschiede, das wäre Objektivität. Tatsächlich werden die Kinder dabei als idente Objekte, aber ganz sicher nicht objektiv nach ihrer Eigenart behandelt. Die berühmte Karikatur mit Goldfisch, Elefant, Gazelle und dem Schimpansen, die vom Lehrer ganz im Sinne der Gleichberechtigung zur Prüfung alle die gleiche Aufgabe - "Klettern Sie auf den Baum!" - gestellt bekommen, zeigt die Problematik genauso deutlich wie die statistisch absolut stichhaltige Rechnung, nach der der Dieb und sein Opfer im Durchschnitt gleichviel von der Beute besäßen. Beurteilung, wie sie die Schule versteht, hat immer mit Wettkampf zu tun, mit Siegern und Verlierern, und mit dem omnipräsenten Kult des Gewinnens, auf den nicht nur die Werbung einschwört: Es ist verdammt hart, der Beste zu sein. Doch in Wirklichkeit ist es verdammt viel härter, der Verlierer zu sein. Und Verlierer dieser lebensvorbereitenden Ausscheidungskämpfe, mit denen der verantwortungsbewußte Lehrer seine Schüler bekannt macht, gibt es allemal mehr als Gewinner. Es gilt, diese allgemein übliche falsche Betrachtungsweise der Objektivität, die nichts ist als eine Pseudo-Objektivität, anzuprangern und ihre Irrtümer sichtbar zu machen. Gesellschaftliche Realitäten lassen sich leider nicht so leicht verändern. Das eigene Agieren in der Klasse schon. Kehren wir zurück zum Kult des Gewinnens, zur Lernschule mit ihren Ausscheidungskämpfen, die vom Gesetz gefordert werden. Das Gesetz verlangt die "Leistungsfeststellung" und schreibt deren Durchführung detailliert - und im besten Sinne um Gerechtigkeit bemüht - vor. Diese Richtlinien wurden sicherlich gewissenhaft in einer Vielzahl von Gremien und Gesprächsrunden auf Basis tragfähiger Kompromisse ausgehandelt. Zur Vollständigkeit des Konzeptes benötigt man nur noch idente Kinder, vermutlich jene, die statistisch täglich 1,4 Jausenbrote essen. Célestin Freinets Ansatz ist ein ganz anderer. In vielen seiner Aufsätze spricht er der "Lernschule" die Befähigung ab, die Kinder tatsächlich zu erziehen, denn in der Lernschule gilt die intellektuelle Leistung als einziger Maßstab, alle anderen Fähigkeiten und Begabungen bleiben jedoch unberücksichtigt. Er fordert daher eine "Arbeitsschule", der ein ganzheitliches Menschenbild zu Grunde liegt und die damit lebens- und praxisnäher ist als die traditionellen Schulformen. Daraus ergeben sich zwangsläufig große Veränderungen: Die Kontrollmaßnahmen der traditionellen Schule haben in unserer Schule der Arbeit keine Gültigkeit mehr. Die Basis der bisherigen Notengebung war das Aufsagen auswendig gelernter Unterrichtslektionen, die Ergebnisse der Hausaufgaben, die mündlichen Leistungen und das gute Vorlesen. Bei uns gibt es kein Aufsagen gelernter Lektionen und kein Auswendiglernen im alten Sinne mehr; wir verbessern keine Aufgaben mit roter Tinte, und das Vorlesen ist nur Teil unserer vielseitigen Spracherziehung. (...) Unsere Arbeit nach Interessenskomplexen ist eine Welt für sich, die von allen Schülern bewältigt werden kann, und ein Schüler, der in einem Fach oft jämmerlich versagt, kann in einem anderen sich als wahres Genie zeigen. Sie reduziert den Schüler zum Gehirn auf zwei Beinen mit dem Argument, das Gehirn müsse die zwei Beine ja schließlich steuern. Tatsächlich stellt ihr Ergebnis einen Schnappschuß dar, der den Schüler und seine Welt in einem gewissen Bruchteil einer bestimmten Zeitspanne portraitiert - oft verwackelt, mit den Wischspuren von Bewegungen, zeigt sie das zufällige Bild grimassierender Gesichter mit zusammengekniffenen Augen oder den vergänglichen Augenblick, in dem ein begünstigender Lichteinfall alte Kulissen in eine neue Bühne verzaubert. Schnappschüsse haben großen Reiz - sie fangen im besten Fall etwas aus der flüchtigen Magie eines Moments ein, das erst durch den Schnappschuß selbst existent wird, sie machen banale Alltäglichkeiten zu Hauptdarstellern in einer Szenerie verblüffender Blickwinkel, auf den Kopf gestellter Schwerkraftgesetze und schwelgerischer Lichtmakulaturen über dem plötzlich unwirklich und einfallslos scheinenden Gitterwerk sonst gültiger Wertvorstellungen. Sie zeigen Unvergleichbares, aus dem sich weder Gesetze noch Gültigkeiten ableiten lassen, höchstens die Erkenntnis, daß in einem bestimmten, unwiederholbaren Moment die Dinge in diese eine film- und papiergewordene und damit reproduzierbare Konstellation flüchtiger Existenz zusammengelaufen sind. Schnappschüsse gelingen oder sie gelingen nicht. Man kann sie nicht absichtlich produzieren oder künstlich herbeiführen. Sie zeigen genauso wenig wie jede andere Fotografie "die" Wahrheit oder "die" Wirklichkeit. Die Schule aber verlangt ernsthaft, daß das Abbild anstelle der Wirklichkeit treten muß, daß die lebendige Welt durch eine beliebig variierbare Fototapete ersetzt wird und daß diese Manifestation der Abstraktion und Verfremdung als Wahrheit anerkannt wird: Gefiltertes Wissen, das in Form von Prüfungen wieder aus den Kinderköpfen herausgefiltert werden kann. Freinet schreibt unter dem Titel Was ist an den Prüfungen zu beanstanden? bereits vor 30 Jahren: Wir könnten sagen, daß die gegenwärtigen Prüfungen das richtig kontrollieren, was sie kontrollieren wollen. Wenn wir zum Beispiel unser bescheidenes Certificat d'Etudes abnehmen, wissen wir von vornherein, wer besteht (abgesehen von Zwischenfällen); es sind diejenigen, die ihre Probleme richtig lösen (erste Bedingung); die im Diktat wenig Fehler schreiben (zweite Bedingung); die richtig schreiben (dritte Bedingung, die weniger ausschlaggebend ist). Der Hauptvorwurf, den wir dieser Prüfung machen, ist, daß sie bekanntermaßen unvollständig ist, daß sie nur zwei oder drei Techniken kontrolliert, als ob sie für alle Individuen der ideale Ausdruck an Kultur in diesem 20. Jahrhundert seien. Das stimmte vielleicht am Anfang des Jahrhunderts. Aber heute wird das Leben von sehr vielen anderen bedeutenderen Elementen bestimmt. Die Ausbildung unserer Kinder ist so gezwungermaßen umfassender als vor fünfzig Jahren, und gewisse Formen von Intelligenz und Wissen, die entscheidend und überlegen sind, werden von der Kontrolle völlig übergangen. Unser gegenwärtiges Certificat d'Etudes gleicht dem C.E.P. (Certificat d'Etudes Primaires) von vor ungefähr 50 Jahren. Es war vielleicht vor dreißig Jahren gültig, ist es aber heute nicht mehr, denn die materiellen und technischen Gegebenheiten haben sich um 100% weiterentwickelt. Es drängt sich eine Revision, eine Modernisierung dieser Prüfung auf. Was wir über unser C.E.P. sagen, gilt gewiß auch für das Abitur und einige andere größere Prüfungen. Sie bemessen zweifelsohne eine gewisse Anzahl von schulischen Fähigkeiten, die man durch Einpauken erlangt; aber diese Fähigkeiten spielen in der Praxis des Lebens nur eine untergeordnete Rolle. Man bemißt so also das Nebensächliche und läßt das Wesentliche beiseite. (...) Wir können nicht garantieren, daß unsere Schüler, die das Certificat d'Etudes bestanden haben, auch die erfolgreichsten sein werden. Sie sind wahrscheinlich die besten im Rechnen, im Diktat und im Aufsatz, aber sie sind nicht immer diejenigen, die im Leben Karriere machen - der Beweis des Lebens selbst bestätigt uns dies jeden Tag. Es gibt ganz gewiß wichtigere Dinge, die die Examina nicht berücksichtigt haben. Ist das Examen daher nicht teilweise falsch, ungerecht und gefährlich? Neben den verschiedenen Gefahren, die aus falschen Orientierungen resultieren, mit denen man von den Resultaten zu den Prüfungen gelangt, sehen wir noch eine große psychische Gefahr, eine menschliche Gefahr beim Fortbestehen dieser Irrtümer: Die Prüfungen bewerten und beurteilen nur eine Form der Intelligenz, die schulisch ausgerichtet ist. Wer diese Formen nicht besitzt und durchfällt, wird aus diesem Grund in die Reihe der Unintelligenten und Unfähigen zurückgesetzt. Das Schreiben bei Prüfungen bedeutet für die Kinder oft ein Ereignis mit schwerwiegendsten affektiven und psychischen Konsequenzen. Richtig verstandene Prüfungen müßten alle Fähigkeiten durchleuchten, sie alle sich bestätigen lassen und sie in die Gesamtheit einer harmonischen Bildung einbeziehen, anstatt daß gewisse Fähigkeiten sich am Rande dieser Bildung entwickeln müssen. So kommt es, daß diese Tatsache die bedauernswerte Lücke zwischen Schule und Leben, die wir immer wieder anklagen werden, noch vergrößert. |
Die Zitate stammen aus folgenden Büchern: C. Freinet, Die Praxis der Freinet-Pädagogik, 1964 (Verlag Schöningh) C. Freinet, Die moderne französische Schule, 1957 (Verlag Schöningh) |
Christian Schreger
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