Von Schwätzern und Arbeitern
Teil 2/3

Die Fertigkeitsbescheinigungen


Das Interesse muß der Motor des Lernens sein, die Förderung der einzelnen Interessen sollte zum Anliegen der LehrerInnen werden: So entsteht Hunger nach mehr, auch nach mehr Lernen.
Die Überprüfung und Beurteilung des solcher Art erworbenen Wissens darf aber nicht einer Drohung gleichkommen, die ständig mit Versagensängsten gekoppelt oder besetzt ist.
Eingehen auf diese Umstände hat nichts mit Gleichgültigkeit dem Lehrstoff gegenüber oder mit einer Aufgabe der Kontrolle zu tun. Im Gegenteil: Die Kontrolle dient hier dem Lernenden, hilft ihm, seine Position zu bestimmen und sich die nächsten Lernschritte seinen Kräften entsprechend einzuteilen. Dazu bedarf es einer anderen Form der Kontrolle als der heute im Schulwesen restriktiv angewandten.
Wir müssen daher eine andere Möglichkeit der Leistungskontrolle finden.
Wir sind sehr dafür, daß eine solche Kontrolle vorgenommen wird, doch darf dies keine Kontrolle sein, die Neid und Mißtrauen erweckt und darauf bedacht ist, die Schüler nach Leistungen einzustufen. Diese Art der Kontrolle wird nur von denjenigen bevorzugt, die gut in ihren schriftlichen Arbeiten sind. Die besten Schüler der Klasse sind stolz auf ihre Leistungen, während die mittelmäßigen und schwachen Schüler mehr und mehr von der Tyrannei der Noten beherrscht werden und ihnen ein gefährliches Gefühl der Minderwertigkeit eingeimpft wird.
(...)
Je komplexer und wichtiger die Arbeit ist, je länger der Weg bis zum Ziel, um so mehr empfindet das Kind das Bedürfnis, sich zwischen den einzelnen Arbeitsetappen gewisse Plattformen einzurichten. Diese Plattformen und diese Etappen muß unsere Kontrolle feststellen und prüfen.
Um die allzu menschlichen Risiken der Parteilichkeit, Voreingenommenheit und des Irrtums zu vermeiden, kann es dem Lehrer nicht alleine überlassen bleiben, diese Kontrolle durchzuführen.
Im Schoße der Schulgemeinschaft müssen die Schüler selbst bei der Kontrolle ihrer Leistungen mithelfen.
Diese Kontrolle darf sich nicht nur auf das rein formal erzielte Ergebnis beziehen, sie muß auch die Qualität der Arbeit und die geleistete Anstrengung berücksichtigen.
Diese Kontrolle verlangt nur in Ausnahmefällen eine (ergänzende) Mitbeurteilung - wenigstens eine solche schriftlicher Art. So sind etwa zwei Vorträge, die Schüler ausgearbeitet und in denen sie ihr Bestes geleistet haben, zwei Arten der Höchstleistungen; sie miteinander zu vergleichen und objektiv zu bewerten wäre aus unserer Sicht der Leistungsbeurteilung ein Unrecht.
Immer, wenn der Schüler sein wirklich Bestes geleistet hat, verdient er auch die beste Note, gleich wie das Resultat aussieht.
Für jene andere Art der Kontrolle und Beurteilung schlägt Freinet drei Verfahrensweisen vor:
a) Die Selbstkontrolle durch den Arbeitsplan:
Der Arbeitsplan muß erfüllt werden. Alle Schüler, selbst die kleinsten und die zurückgebliebensten, haben das Verlangen, die vorgesehenen Aufgaben zu erledigen.
Es genügt, wenn man im Laufe der Woche darauf achtet, die Nachzügler festzustellen, die wie der Hase in der Fabel immer glauben, es bleibe ihnen noch hinreichend Zeit zur Erledigung ihrer Arbeiten. Samstags werden sie sich dann der Gefahr bewußt, sie werden unruhig, versuchen ihre Arbeit zu beschleunigen, setzen sie selbst während der Pause noch fort und sind oft sogar gezwungen, sie noch sonntags mit allen den unliebsamen Folgen, die dieses ihr Versäumnis mit sich bringt, zu Ende zu führen.
(...)

b) Das Schultagebuch

Jedes Kind besitzt ein Schultagebuch mit seinem Namen, Vornamen, Geburtsdatum, seiner Fotografie, den Fotos seiner Eltern und Geschwister und einer Menge leerer Seiten, auf die die Leistungskurven eingeklebt werden.
Zusätzlich besitzt der Lehrer für seinen persönlichen Gebrauch einen schülerbegleitenden Leistungs- und Beurteilungsbogen nach einem Muster, das wir entworfen haben und an anderer Stelle veröffentlichen.
Dieser Beurteilungsbogen stellt ein Duplikat und zugleich eine Ergänzung des Schultagebuchs dar.
Er wird dem Kind nicht ausgehändigt, kann jedoch den Eltern zur Einsichtnahme vorgelegt werden.

c) Die Fertigkeitsbescheinigungen
(brevets)
Das Ziel des Schülers und der Schule muß es sein, zu einer maximalen Beherrschung der verschiedenen lebensnahen und lebenswichtigen Tätigkeiten zu gelangen.
Diese Beherrschung einer Sache ist es, die wir mit unserem System der Fertigkeitsbescheinigungen kontrollieren.
Wir haben für die verschiedenen Stufen der Volksschule gewisse Leistungsnormen erstellt, die man erfüllen muß, um eine besondere Fertigkeitsbescheinigung dafür zu erhalten. Auf der anderen Seite veröffentlichen wir ein Verzeichnis, das die genauen Leistungsforderungen für die einzelnen Fertigkeitsbescheinigungen angibt.
Diese Fertigkeitsbescheinigungen werden erst nach einer praktischen Überprüfung und Beurteilung der Leistungen vom Lehrer ausgestellt. Meistens helfen die Schüler selbst oder die Verantwortlichen der Schülerselbstverwaltung dabei mit.
Die für die Erlangung einer solchen Fertigkeitsbescheinigung verrichteten Arbeiten werden in einer ständigen Ausstellung als beweiskräftige Zeugnisse dafür, daß die Arbeiten auch vom Lehrer und den Eltern kontrolliert wurden, aufbewahrt.
Beim Verlassen der Schule werden sie dem Schüler wieder ausgehändigt. Das besondere Kennzeichen der einzelnen erworbenen Fertigkeitsbescheinigungen wird in das Schultagebuch eingeklebt.
Der Besitz dieser Fertigkeitsbescheinigungen kann als Grundlage für die Schulentlassungszeugnisse und vor allem auch für die Berufsfindung dienen.
Das Beurteilungssystem mit Hilfe von Fertigkeitsbescheinigungen ist wesentlich vorteilhafter als die augenblicklich noch allgemein angewandte Beurteilung nach Wettbewerben mit entsprechender Einstufung.
Hier gibt es keine Ersten und keine Letzten. Jeder kann und muß eine gewisse Meisterschaft in den manuellen und intellektuellen Tätigkeiten seiner Wahl erlangen. Jeder findet somit auf seine Art und nach seinen Fähigkeiten einen befriedigenden Erfolg. Dies entspricht vollkommen der Psyche des Kindes und den vielfältigen Möglichkeiten, die das gesellschaftliche Leben heute bietet.
Es spricht auch nichts dagegen, wenn die Kinder selbst an der Erstellung der Anforderungsprofile für eine Fertigkeitsbescheinigung mitarbeiten. Dadurch steigt zum einen die Motivation, zum anderen ist jederzeit durschaubarer, was genau verlangt wird. Auch der Stadtschulrat für Wien übermittelte im März 1994 diese Erkenntnis seinen LehrerInnen im Rahmen eines Merkblatts zur Leistungsfeststellung und Leistungskontrolle.

Eines der Ziele der Leistungsfeststellung sei es, den Schüler "zur sachlich begründeten Selbsteinschätzung hinzuführen", er solle "an der Leistungsfeststellung aktiv teilhaben und dadurch Einblicke in das Zustandekommen einer Note erhalten." Dabei sind aber auch Grenzen zu beachten: "Von der Beurteilung einzelner Hausübungen ist abzusehen, da das Ausmaß der Eigenleistungen kaum feststellbar ist."
Transparenz und Mitarbeit ja, aber nur solange die zugestandenen Freiheiten auch gleich wieder kontrolliert werden können.
Unter dem Gesichtspunkt der Bedürfnisse einer kleinen französischen Landschule in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts erstellte Freinet eine Liste der pflichtmäßig zu erwerbenden Fertigkeitsbescheinigungen, die sich heute, besonders unter modernen urbanen Bedingungen wunderlich und romantisch liest:
Liste der pflichtmäßig zu erwerbenden Fertigkeitsbescheinigungen:
Schriftsteller, Lektüre, gute Sprachbeherrschung, Historiker, Geograph, Hydroingenieur, Spezialist für Luftangelegenheiten, Pflanzenkundler, Insektensammler, Fachmann für Mineralien, Brandmeister.

Fertigkeitsbescheinigungen untergeordneter Bedeutung:
Erntearbeiter, Kletterer, Jäger, Naturforscher, Imker, Viehzüchter, Baumeister, Koch, Elektriker, Chemiker, Erste-Hilfe-Fachmann, Künstler, Drucker, Graveur, Ordner, Reisender, Schauspieler, Musiker, Sänger, Töpfer, Tischler etc.

Wie bereiten wir uns nun auf diese Fertigkeitsbescheinigungen vor? - Unsere Kinder schreiben Texte und Gedichte, machen Umfragen, prähistorische Forschungen, historische und wissenschaftliche Untersuchungen, spielen Musik und Theater, sie drucken, messen, gravieren, arbeiten im Garten, reisen etc. Schon im frühen November denken sie daran, ihre Ausarbeitungen und Meisterwerke vorzustellen, die sie dann am Jahresende für die Fertigkeitsbescheinigungen vorlegen.
Normen sind vorgesehen. Wir haben sie in einer Ausgabe unseres Sammelbandes "Brochures d'Education nouvelle populaire" veröffentlicht. Wenn ein Kind glaubt, diesen Normen zu genügen, dann kann es seine Arbeit vorlegen. Für die verschiedenen Teile der Arbeit werden Noten vergeben. Am Ende des Jahres, an bekanntgegebenen Tagen, beurteilt eine offizielle Kommission die Arbeiten und verteilt die Fertigkeitsbescheinigungen. Diese werden im Rahmen einer Feierstunde, bei der die Arbeiten ausgestellt werden, in Gegenwart der Eltern verliehen.
Die Erfahrung mehrerer Jahre in verschiedenen Schulen zeigt, daß:

  1. die Kinder von den Bescheinigungen begeistert sind und, um das beste Resultat zu erhalten, zu großen Leistungen in der Lage sind;
  2. es keine Mißerfolge gibt. Selbst die schlechtesten Schüler können zumindest drei oder vier Bescheinigungen vorweisen, auch wenn sie unbedeutend sind. Ihre Ehre ist nicht angetastet, und die der Eltern auch nicht. Und das alles ist nicht zu unterschätzen;
  3. es praktisch keine Täuschung gibt; denn man urteilt sozusagen nach Gesamtwerken, nach der von den Kindern geleisteten Arbeit. Übrigens können gewisse Tests dazu dienen, bei schwierigen Entscheidungen den rechten Maßstab zu treffen;
  4. das Risiko des Irrtums weniger groß und gefährlich ist, wenn man eine größere Anzahl von Tests beurteilt. Bei den drei Tests des C.E.P. verdirbt der Irrtum bei einem Test ein Drittel des Examens. Bei den Fertigkeitsbescheinigungen berührt der mögliche Irrtum bei einem Test nur ein Fünfzehntel oder ein Zwanzigstel des Examens;
  5. die Praxis der Fertigkeitsbescheinigungen für die Orientierung der Kinder besonders wertvoll ist.
    (...)
Kinder und ihre Fähigkeiten lassen sich nicht ohne Schäden ins Korsett einer verordneten Beurteilung zwängen. Das macht auch keinen Sinn. Es macht nur erlebbar, daß Zwang behindert und weh tut.
Die Lernschule zeigt sich davon unberührt. Regt sich Widerstand, wird nicht etwa mit einer Öffnung des zu engen Panzers reagiert, nein, Widerstand empfindet sie als eine Beleidigung und eine Provokation für ihre wackeren Korsettschneider: Diese strafen dann ihre Klienten und verteuern das zu erwerbende Kleidungsstück - je weniger es paßt, umso teurer wird es, und umso mehr muß sich der Klient anstrengen, den Normmaßen zu entsprechen.
Der Zwang der Lernschule zur Beurteilung scheint auch mit der Unfähigkeit zu tun zu haben, Dinge sein lassen zu können, wie sie sind, ihnen den eigenen Weg zuzugestehen ohne die Angst, damit die Kontrolle zu verlieren, bedroht zu sein durch die bloße Existenz von etwas Andersartigem. Zwanghaft wird allem ein Stempel, ein Verständnis der Dinge aufgedrückt, und damit eine Art geistiger Kolonialismus betrieben. Wir leben in einer Zeit des geistigen Biedermeiers, der es vor allem wichtig ist, an nichts zu rühren, woran man sich gewöhnt hat, und all jenes fernzuhalten, das nach Neuem aussieht. Was anders ist, macht Angst - Angst auch vor der möglichen Notwendigkeit, sich selbst (vielleicht aufgrund neuer Erkenntnisse?) ändern zu müssen.

Teil 1 dieses Artikels ist in der letzten Ausgabe der "Wöchentlichen Ortnergasse" erschienen.
Teil 3 folgt in der nächsten - und letzten - Ausgabe.

Die Zitate stammen aus folgenden Büchern: Elise Freinet, Erziehung ohne Zwang, 1977 (dtv/Klett-Cotta)
C. Freinet, Die Praxis der Freinet-Pädagogik, 1964 (Verlag Schöningh)
C. Freinet, Die moderne französische Schule, 1957 (Verlag Schöningh)
Christian Schreger
Christian Schreger

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