Von Schwätzern und Arbeitern
Teil 3/3

Gladiatoren auf der Aschenbahn

Längst sind auch in Lehrerkreisen die Zweifel an der Aussagekraft der Noten und damit am Sinn der Noten überhaupt, sowie am Notensystem nicht mehr zu überhören.

An Verbesserungen zur Durchführung der Beurteilung wird seit Jahren herumreformiert. Leider sind diese Änderungen nur äußerlich geblieben und haben keinen Einfluß auf eine grundlegende Neuformulierung des Beurteilungsgedankens gehabt.
Reform dieser Art bedeutet immer nur, einem alten Inhalt ein neues Aussehen zu geben. Sie ist ein Herumdoktern an Symptomen, ohne die Ursachen der Krankheit zu beachten.
Was fehlt, ist wie üblich eine ganzheitliche Betrachtungsweise. Aber wie soll man von den längst in Amtsgebäuden residierenden und nicht mehr in den Klassen arbeitenden Schulbeamten eine lebensnahe Denkweise einfordern? Meist sind es die bierbäuchigen Sportfans, die am lautesten schreien und auch am besten wissen, was die erschöpften Sportler falsch gemacht haben, als sie "den Sieg verschenkten". Den Schreihälsen ist aber gleichzeitig ganz klar, daß sie selbst keine einzige Runde auf der Aschenbahn des Stadions durchstehen würden - was ja auch nicht ihre Aufgabe ist.
Den Schulkindern wird keine Wahl gelassen - sie müssen alle Aschenbahnen laufen.
In dieser K.o.-Manier soll sich dann ihre Begabung zeigen, denn dort, wo versagt wird ist wohl keine Begabung zu finden. Die anderen aber rücken auf in die nächste Runde.
Sie fühlen sich an Gladiatorenwettkämpfe im alten Rom erinnert, und diese Haltung erscheint Ihnen reichlich antiquiert?
Dieses Bild zeigt den Sinn und die Arbeitsweise der Leistungsschule zwar drastisch, aber doch recht deutlich und klar. Sie haben vielleicht den Eindruck, daß es andere Methoden und Systeme gebe müßte, die Begabung besser aufzeigen und fördern würden als dieses? "Bleiben wir bei der Sache: Das ist nicht Punkt der Diskussion," ist die oft gehörte Reaktion der Schulmeister auf solche Einwürfe, "hier geht es um ein ganz bestimmtes System, die Lernschule, deren Arbeitsweise gezeigt werden soll. Alle anderen Überlegungen können Sie später anstellen; auch eine Diskussion in Ihrem Freundeskreis darüber ist durchaus nicht zu verachten."
Natürlich sind wir nicht mehr im alten Rom und vieles hat sich verändert:

Statt der weiten Toga sind durchaus bequeme Jeans zulässig, auch die Schwerter sind längst aus verletzungssicherem Kunststoff und vor jedem Kampf wird darauf hingewiesen, daß das Authenzität vorspiegelnde Kunstblut genauso wie der Arenasand den strengen hygienischen Standards unserer modernen Zeit entsprechen. Man darf Musik hören beim Kämpfen, und Kämpfer und Kämpferinnen - oder nennen wir sie im aktuellen Neusprech besser BewerberInnen - dürfen eine Saison nach Wahl aussetzten und sich von den Zuschauerrängen aus weiterbilden. "Das ist ja alles nicht mehr so hart wie früher, damals wehte noch ein ganz anderer Wind, da hat sich viel geändert."
Sie fragen sich, wieso Sie dann noch hier stehen, ein Gummischwert in Händen, auf Hygienesand mit Kunstblutbeuteln behängt in einem ergonomischen Sicherheitsgeschirr, mitten in einer alten römischen Arena?
Die Spielleiter sind hier anderer Meinung:
"Leistung muß sich wieder lohnen und belohnt werden." Aber Vorsicht - wir sprechen hier nicht von der Leistung im täglichen Leben, wir sprechen von den Leistungen, die die Lernschule fordert.
Das wirkliche Leben belohnt die wirklichen Leistungen ja ohnehin mit dem neuerworbenen Wissen und den daraus erwachsenden Fähigkeiten. Diese Leistungen brauchen keine vorgesetzte Instanz zur Kontrolle, die jenseits des täglichen Lebens den Nutzen des Nutzens mit Wertungen ähnlich denen der Eiskunstlaufschiedsrichter versieht, sie brauchen keinen großen Weihnachtsmann mit seinem Sack voller Beurteilungszuckerl, um sich zu bestätigen, genau so wenig verstärkt es die Ausgrenzung im Fall des Scheiterns.

Die Lernschule könnte ihre Noten genauso gut nach der Haarfarbe verteilen, oder nach der Fähigkeit, sich die Schuhe zu binden: Sie wäre nicht einseitiger damit, als sie es jetzt schon ist. Die Ausgrenzung einzelner Kinder und die fragwürdigen Gründe dafür treten in solch drastischen Beispielen nur klarer hervor als in zur Gewohnheit gewordenen Verhaltensweisen.
Warum werden diese Beurteilungsformen dann nicht geändert?
"Das ist nicht die korrekte Frage," bekommt man zu hören, "hier geht es um die Diskussion neuartiger Sicherheitssysteme, die die Prüfungsroutinen noch effizienter und dabei menschlicher machen, aber nicht darum, das Beurteilungssystem an sich in Frage zu stellen."
Wer sich ernsthaft mit dem Problem der Beurteilung auseinandersetzt, kommt aber nicht umhin, das gegenwärtige System in Frage zu stellen. Hier nimmt die Freinet-Pädagogik eine besondere Rolle ein, da sie als ganzheitliches Gedankensystem als Ersatz kein starres Dogmengebilde, sondern nur "erfolgreiche Experimente" anzubieten hat.
Wir haben niemals eine Regel der Freinet-Pädagogik verordnet. Wir bringen nur ein Bündel erfolgreicher Experimente ein. Wir sagen nicht einmal, daß Sie sie so, wie sie jetzt vorliegen, in Ihrer Klasse anwenden sollen. Stützen Sie sich vielmehr auf diese gelungenen Experimente, um ihre eigenen Brücken zu schlagen, die Sie vielleicht als einzige überqueren können, weil jede Klasse immer einzig in ihrer Art bleibt, so, wie jede Erziehungspersönlichkeit immer in ihrem Charakter einzigartig bleibt.
Nun ist aber selber denken, den eigenen Standpunkt wieder und wieder zu überprüfen und sein Vorgehen entsprechend den Selbstbeobachtungen zu verändern, eben wesentlich anstrengender, als bereits aufgestellen Richtungstafeln zu folgen. Wer seine eigenen Brücken schlägt und sie dann auch überquert, hat beste Aussichten, die Lernschule und ihre Behinderungen hinter sich zu lassen und den Schritt hin zu einer menschlichen Arbeitsschule zu machen, in der das Leben den Ton angibt und nicht die "Schwätzer" aus dem Aufsatz Freinets:

Die "Schwätzer"

In unseren Dörfern gibt es die "Schwätzer" und die "Schaffer", die Redner und die Arbeiter.
Der Arbeiter arbeitet zunächst. Während seiner Arbeit und durch sie überlegt, lernt, urteilt, fühlt und liebt er.

Der "Schwätzer" redet zunächst. Die Überlegenheit, die der Arbeiter aus seiner Findigkeit und Zähigkeit gewinnt, zieht er, der "Schwätzer", vorgeblich aus seiner Geschicklichkeit, mit Wörtern umzugehen und Systeme nach einem Wirrwarr von Regeln und Theorien zu ordnen, deren Hohepriester er ist. Das nennt er dann anspruchsvolle "Logik" und "Philosophie".
Sie lernen Fahrrad fahren wie alle Fahrrad fahren lernen. Die "Schwätzer" werden Sie über ihren Irrtum aufklären: vorher muß man doch - nicht wahr - die Regeln des Gleichgewichts und die Anforderungen der Mechanik kennen!
Die Schwätzer" können aber gar nicht Fahrrad fahren!
Wenn sie es wagten, würden sie Ihnen beweisen, daß Sie Unrecht haben, Ihr Baby so unwissenschaftlich daherreden zu lassen, und sie würden Sie den lieben langen Tag mit den unwiderlegbaren Gesetzen der richtigen Sprache traktieren.
Aber Ihre Kinder wären stumm!
Eben jene Schwätzer haben uns eingeredet, es sei notwendig, das Erlernen des schriftlichen Ausdrucks mit dem methodischen Studium der Grammatik anzufangen und Schritt für Schritt vorzugehen: vom Wort zum Satz, vom Satz zum Abschnitt und dann zum vollständigen Text.
Sie kennen die Grammatik, aber die Gabe, fesselnd und lebendig zu schreiben, haben sie verloren.
Mit einer Schamlosigkeit, die höchstens noch von unserer Leichtgläubigkeit übertroffen wird, sprechen sie auch zu uns über die Vorzüge der Landarbeit und die bukolischen Reize der Arbeit auf den Feldern. Denn ihre Rolle ist es nicht zu arbeiten, sondern zu reden. Vor einem mucksmäuschenstillen Saal erklären sie mit Wissenschaft und Logik, wie man auf dem Land zu arbeiten hätte und was uns die frisch aufgeworfenen Erdschollen sagen oder die Trauerweiden, die im Herbst goldene Tränen aus ihren bewegten Blättern weinten.
Sie aber können gar nicht arbeiten!
Meinem Lehrling auf dem Land habe ich nichts zu sagen, außer wenigen wichtigen Worten, die im geeigneten Zeitpunkt ihm praktische Ratschläge oder Handgriffe vermitteln - oder auch sehr persönliche Gefühle, die sich über eine Bewegung, einen Blick oder Schweigen vermitteln.
Aber dieser Philosophie der Weisen, die der Gipfel der Wissenschaft, der Logik und der Arbeit sein soll, wird er mit einem Achselzucken begegnen.
Und er kann arbeiten!

Teil 1 und 2 dieses Artikels sind in den letzten beiden Ausgaben der "Wöchentlichen Ortnergasse" erschienen.

Die Zitate stammen aus folgenden Büchern: Elise Freinet, Erziehung ohne Zwang, 1977 (dtv/Klett-Cotta)
C. Freinet, Die Praxis der Freinet-Pädagogik, 1964 (Verlag Schöningh)
C. Freinet, Die moderne französische Schule, 1957 (Verlag Schöningh)
C. Freinet, pädagogische texte, 1980 (rororo, vergriffen)
Christian Schreger
Christian Schreger

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