Wie man Goldfische kauft |
Als Freund der wäßrigen Fauna und Flora beschloß ich eines Tages meinen Trieben zu gehorchen.Ein schöner Goldfisch sollte es sein, dazu das obligate Behältnis, nicht zu groß, nicht zu klein - passend eben. Der Platz stand fest, ein ruhiger Ort auf meiner Kommode, der schon seit einiger Zeit so leer auf mich wirkte, daß er geradezu nach neuen Inhalten lechzte. Ein Goldfisch also, ein Aquarium, diese Welt im Kleinen, ein glänzendes Farbenspiel vorbeigleitender Schuppen die das nachmittägliche Sonnenlicht streifen würde, der Zauber der Schwerelosigkeit, ein Traum von Schweben unter dem Baldachin frischgrüner Wasserpflanzen. Die blitzblanke Tierhandlung gleich ums Eck schien mir die geeignete Lokalität, meinen Phantasien endlich realen Boden zu verleihen. Der Verkäufer war nett, fächerte eine Palette bunter Kataloge vor mich hin, für jeden Bedarf das Richtige, schließlich will solch eine Anschaffung genau und verantwortungsvoll abgewägt werden. Wir unterhielten uns über die wichtigsten Fragen der Tierpflege, die maßvolle Fütterung, den Wasserwechsel, die Qualität des Pumpenfiltermaterials und über die Gefahren des kürzlich entdeckten Goldfischwahnsinns, der zu fahrigen Bewegungen, stumpfem Blick, freudloser Mattigkeit der Flossenhäute und dem letztendlich schon fast banalen Tod (Rolle rückwärts, Bauch nach oben, stilles Tümpeln in die Ewigkeit) führen könnte. Ich erstand eine Dose garantiert vegetarischer Kraftnahrung und ein kleines Sortiment farbenfroher Fläschchen zur Stabilisierung der Wasserqualität, der Verminderung von Algenwuchs und der Pflege der tierischen Schleimhäute - jawohl, auch die gibt es - und natürlich ein dezentes Glasbehältnis aus bruchsicherem Material, das selbst einem Wasserdruck vergleichbar dem in 200 Metern Tiefe standhalten würde. Dann kam der aufregendste Teil meines Einkaufs: Mein zukünftiger Lebensgefährte sollte aus der quirligen Masse einiger Dutzend Artgenossen ausgewählt werden. Angestrengt starrte ich in die blasse Tiefe des neonerleuchteten Großbeckens, verwirrt von den Lichtbrechungen, die im Stande waren, einzelne Fische aus der Beschaulichkeit einiger Tempi nahe der Aquarienseitenwand mitten hinein in die hektischen Spiegelungen der Frontscheibe zu katapultieren. Als ich ihn schließlich gefunden hatte, konnte ich den aggresiven Bewegungen des Fangnetzes gar nicht zusehen vor lauter Angst, mein neuer Gefährte könnte verletzt werden. Ich betrachtete mit vorgetäuschtem Interesse einen trostlosen Graupapagei, der meine Teilnahmslosigkeit sofort durchschaute und sich mit qualvoller Bestimmtheit ins eigene Gefieder zu hacken begann. Den stoßabsorbierenden Karton gefüllt mit allen technisch-chemischen Zutaten meines neuen Wasserreiches und meinen zukünftigen Mitbewohner unter dem Arm, das fröhliche Klingeln der Registrierkasse noch im Ohr strebte ich mit flotten Schritten meiner Wohnung entgegen, wohlige Brandungen von Erwartung trommelten mit meinem Herzen um die Wette. Noch ein Treppenabsatz, eine Schlüsseldrehung, schon konnte das Auspacken beginnen. Nichts verblüffte mich mehr als der Anblick eines knopfäugig vor sich hin kauenden Meerschweinchens, der sich mir nach dem Entfernen der letzten Seidenpapierhülle bot. Das konnte doch alles nur ein Irrtum sein! |
|
|
Ein Irrtum, meinte der freundliche Verkäufer, dem ich Minuten später vorwurfsvoll meine Neuerwerbung unter die Augen hielt, den Verdacht eines Irrtums zu äußern sei nicht die richtige Herangehensweise an mein Problem. Und überhaupt: Was ich denn gegen Meerschweinchen hätte? Meine Beteuerung, daß ich noch nie etwas gegen Meerschweinchen oder andere Kleinnager einzuwenden gehabt hätte, verhallte ungehört. Sein "Ob ich mir schon Einblick in die tiefe Beziehung zwischen Mensch und Tier verschafft habe, die besonders begünstigt würde durch den sanften Kontakt zwischen Fell und Haut?" schmetterte meine beharrliche Verteidigung, ich hätte aber einen Goldfisch erwerben wollen ins Reich durchtriebener Ausreden. Flexibilität, so wurde ich belehrt, Flexibilität sei gerade heute nötig, für viele aber - an dieser Stelle begleitete die Worte meines Gegenübers ein hoffnungsloses Augenrollen - offenbar ein undurchdringliches Geheimnis. Während ich noch versuchte, die Erinnerung des Verkäufers durch die Schilderung der mir eben vorgelegten Kataloge aufzufrischen, begann ich mich bereits zu schämen. Vielleicht war sein bereitwilliges Eingehen auf meine aquaristischen Gelüste nur ein sozialer Akt gewesen, ein behutsames Herumtasten, um mich meine zoologische Unerfahrenheit nicht so sehr spüren zu lassen? Wollte ich wirklich meine kindliche Begeisterung messen am klaren Verstand eines Fachmannes von Kaliber, dessen Beschäftigung mit der Tierwelt über die Jahre hinweg sicherlich Tiefe und Reife sich hatte entwickeln lassen? War es nicht einfach Eigennutz und Egoismus, der mich ausgerechnet zum Ankauf eines - zugegeben - stummen und eher ausdruckslosen Lebensgefährten hatte tendieren lassen? Der Verkäufer verstand mich offenbar ohne daß ich mehr als einen kurzen Schauer der Bestürzung über meine Züge hatte gleiten lassen. Ein warmes Gefühl der Dankbarkeit durchrieselte mich, als ich schließlich, nach einigen weiteren wertvollen Ratschlägen zufrieden das Geschäftslokal verließ - selbst den ruckartigen Hackbewegungen unter meinem Mantel, die dem Gefieder meines neuen Graupapageis sicher die eine oder andere Lücke bescheren würden, konnte ich ein kleines, strahlendes Quentchen ungebändigten Lebens abgewinnen. |
Christian Schreger
|
Junge Künstler | Sternengeschichte | Das ägyptische Rechenbuch | Storchengrund-Grundschule | Puppentheater | Aus der M1 Die Ortnergasse | Bastelbeilage: Domino | Zeitungsauswahl |