Warum ich die Ortnergasse für eine gute Schule halte


Was ist eine gute Schule? Wie gut kann Schule sein, wie gut könnte sie sein?

Schule in ihrer heutigen Form ist eine Notlösung.
Seit den Tagen der Idee eines sich Versammelns um die geistigen Größen der Zeit, mit spannenden Disputen und philosophischen Diskursen ist sie immer mehr verkommen zum Aufbewahrungslager für Kinder, die keinen Raum mehr finden im engen Zirkel wirtschaftlich lohnender - oder finanzierbarer - Produktivität.
Ihr allerdings vorzuwerfen, sie selbst hätte diesen Verfall verschuldet, wäre nicht gerecht.
Zu sehr hängt sie am Gängelband politischer Eintagsfliegen, die zumeist in vorauseilendem Gehorsam dort am stärksten und repressivsten auftreten, wo sie keinen Widerstand und keine Lobby zu befürchten haben - Kinder haben nun einmal keine Lobby, ihre Entwicklung ist von eingeschränktem wirtschaftlichen Interesse - außer für die lokalen Zuckerl- und Spielzeughändler - aber warten wir einmal ab, da tun sich sicher noch Märkte auf.

Und hier beginnt die - zumeist miserable - Rolle der Schule:
Gedankenlos wir zum Funktionieren erzogen, zum kleinsten Nenner, zum Ja-nicht-Auffallen, zum Abtauchen in die traurige Wärme der anonymen Gesellschaftsmasse.
Damit müssen sie doch "später" einmal alle klarkommen, oder?
Erziehung zur Selbständigkeit steht zwar im Lehrplan, aus den buntillustrierten Schulbüchern wird man sie aber nicht destillieren können, auch nicht mit noch so vielen fragwürdigen Lernzielen wie "Lustig-unsinnige Werbesprüche in kreativer Weise selbst erfinden" oder "Stelle Deine eigenen Klassenregeln auf!".

Was lernen die Kinder dabei?
Und was lernen ihre LehrerInnen aus der immer stärker werdenden kindlichen Unlust am schulischen Lehrgeschehen?

Doch weil die Welt so ist, wie sie ist (wie lässig argumentiert wird), sei es doch im Sinne des Kindes, es darauf vorzubereiten:
Ist Kuschen ein Erfolgsrezept, dann bringen wir den Kindern eben Kuschen bei - pädagogisch und didaktisch wertvoll aufbereitet, versteht sich.
Es mag schon sein, dass vielfach dabei Druck von oben einfach nur weitergegeben wird an die nächstniedrige Instanz, oft gegen den Willen der Unter-richtenden.
Doch wer untert und richtet dann wen?

An der Ortnergasse ist das aber nicht so.
Das halte ich für das wesentlichste Qualitätsmerkmal einer Schule:

Hier besteht die Möglichkeit zum Ausprobieren und Gestalten dessen, was Schule auch sein könnte.
Leider steckt darin natürlich auch eine für manche nicht erfüllbare Aufforderung:

Setze dich mit dem auseinander, was du tust oder tun könntest.
Entwickle Ideen und überprüfe sie auch.
Mache Fehler und lerne aus ihnen.
Eine gute Schule muß auch eine gute Schule für LehrerInnen sein.

Was mich immer wieder restlos verblüfft ist die Tatsache, daß solche Aufforderungen aufgeregte Unruhe, gepaart mit persönlichen Ängsten und daraus resultierenden halsbrecherischen Interpretationen auslösen - in den seltensten Fällen aber tatsächlich Überlegungen.

Das ist besonders bedauerlich, weil ich keine Schule kenne, in der Fragenstellen, Diskutieren und Sich-entwickeln-dürfen in einem solchen Ausmaß möglich ist wie hier in der Ortnergasse. (Daß diese Möglichkeiten vorhanden sind und auch gespürt werden, merke ich immer wieder in Gesprächen mit KollegInnen, die unsere Schule nur kurz besuchen und doch etwas davon mitbekommen. Meistens fragen sie nach der Möglichkeit, in der Ortnergasse unterzukommen, im nächsten Jahr ...)

Es ist traurig aber wahr - und am einfachsten in dem sattsam bekannten Satz zusammenzufassen:

Propheten gelten nun einmal nichts im eigenen Land!

Andererseits:
Wie gut kann eine Schule sein oder werden, wenn das Angebot zum Dialog von ihren KritikerInnen nicht genützt wird und die Sudereien nur in den möglichst schalldichten Kämmerleins, im Sandkasten der "Ich will ja nichts gesagt haben, aber ... aber doch - Seligkeit" stattfinden?

Worin liegt der Grund für das verklemmte, hartnäckige Schweigen, wenn Gelegenheit zum Reden wäre, worin liegt der Grund für die halblustigen Ein-Wort-Sätze, wenn Stellungnahme gefordert ist bzw. sich eine/r eine Frage stellt?

Da läßt sich nur folgern:
Fragenstellen ist out, Antworten sind in.

Aber da sind wir genau dort, wo Schule schon vor 100 Jahren war:
Fragen sind obsolet, die Antworten sind die Abkürzung zur Erkenntnis!
Nur warum sollte ich mir eine Antwort MERKEN auf eine Frage, die ich nie gestellt habe, die sich mir nie gestellt hat?
Liegt nicht genau da die Aufgabe, die wir täglich haben:
Fragen an die Kinder heranzutragen oder ihre Fragen zu hören?
Oder gilt das für uns nicht - nicht mehr?
Und worin besteht nun eigentlich der Unterschied zwischen uns "gestandenen LehrerInnen, die wissen, wie das Leben ist" und den Kindern, bei denen wir meist nur raten können, wie "ihr Leben ist"?
Da "ortnergassert" es sich doch ziemlich schmerzlos dahin:

Einerseits das Gejohle nach Freiheit, andererseits die Forderung, dass endlich die "richtige" Direktive ausgegeben wird, der verbindliche (Lebens- oder Lehr)plan, die Anweisung von oben, die genau dem privaten/persönlichen Mangel entspricht, über den sichs im Kämmerchen so gut klagen - und natürlich publikumswirksam leiden - läßt, je nach dem eben.
"Mouth Wide Shut" - so läßt es sich vielleicht am besten definieren.

Glücklicherweise ist eine Schule - in manchen Fällen - ein lebendiger Organismus.
Moralisches Heckenschützentum aus der sicheren Deckung heraus richtet nur Schaden an - das versteht sich von selbst - und wird auch so verstanden.

Nur durch die Ablehnung solcher Praktiken kann Schule besser werden:
Es gilt, den Teufelskreis der ewigen Jammerei über die beklagenswerten, von außen aufgezwungenen Umstände zu durchbrechen und sich aktiv in die weitere Gestaltung (unserer Schule, unseres Unterrichts, unseres Lebens) einzumischen.
Und es geht um die Kinder!

Diese Möglichkeit haben wir hier an der Ortnergasse - damit natürlich auch die Möglichkeit, uns all dem zu verweigern.

Dies halte ich für einen Missbrauch des Gebotenen.
Bleibt nur zu sagen:

"Wer will, findet Lösungen. Wer nicht will, findet Gründe."
Christian Schreger
Christian Schreger

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