Freinet in Bits und Bytes
oder Wie Computer und Bleisatz doch zusammenpassen - Teil 1


Als Célestin Freinet 1923 die erste Druckerpresse in seine Klasse im südfranzösischen Bar-sur-Loup stellte ging es ihm im wesentlichen um die Möglichkeit, die Texte seiner Kinder vervielfältigen zu können und in einer Form wiederzugeben, die zum Austausch mit anderen Schulen besser geeignet war als händisches Kopieren. Gleichzeitig war es aber auch ein ganz bewußter Akt, den Kindern in Form der Bleilettern tatsächlich das Wort zu geben - und etwas daraus zu machen.

Man stelle sich die Provokation vor: die Geschichten und Ideen der mittellosen Bauernkinder, die von Alltäglichkeiten und einfachen Erlebnisse erzählten, erschienen plötzlich im Ornat der allwissenden unterrichtsüblichen Schulatlanten und Zeitungen. Und mehr noch, die eigenen Druckerzeugnisse ersetzten in Freinets Klasse Zug um Zug die Schulbücher und wurden gleichzeitig zum Tor zur Welt im Austausch mit einer rasche wachsenden Zahl begeisterter LehrerInnen, die es Freinet gleichtaten.

Daß Freinet nur neun Jahre später aufgrund des gedruckten Textes eines seiner Schüler, der das Dorffest einschließlich des betrunkenen Pfarrers beschrieb, aus dem Schuldienst entlassen wurde, verwundert unter diesem Gesichtspunkt wenig - er war seiner Zeit eben immer etwas voraus.

Die Freinet-Druckerei und die freien Texte sind heute längst vom Stein des Anstoßes zum Markenzeichen mutiert. Freinet - das ist doch der mit der Druckerei, oder? Ein bißchen angestaubt vielleicht in Zeiten flotter Kopierer und der Flut an e-mails, die täglich durch die Telefonnetze jagen, oder?
Solche Einschätzungen bekommt man immer wieder zu hören und sie demonstrieren den Mangel an Information über Freinet-Pädagogik, nicht mehr.

Als ich vor fast acht Jahren zum ersten Mal vor einem Computer saß, wurde mir ziemlich rasch klar, welche Möglichkeiten dieses Instrument beim Einsatz in Schulklassen bieten würde. Allein die Kosten waren damals viel zu hoch.
Mittlerweile, durch die rasante Entwicklung immer neuer Prozessorengenerationen und der ganzen Hardware-Peripherie, hat sich die Lage verändert. Geräte, die vor zwei Jahren noch im Spitzenleistungsbereich lagen, sind heute kaum noch verwendbar, da sie den Anforderungen der modernen Software nicht gewachsen sind. Da das Aufrüsten in vielen Fällen teurer als eine Neuanschaffung ist, lassen sich nun preiswert durchaus noch verwendbare Geräte für den Klassenunterricht besorgen.

Vor vier Jahren konnte ich den ersten "Kinder-Computer" zusätzlich zu meinem eigenen Klassencomputer in meine damalige 1. Klasse stellen, als Schreibmaschine - nicht mehr. Das dauernde Zurechtbiegen der Typen, die ständigen Reparaturen durchlöcherter Farbbänder und die enttäuschten Gesichter der Kinder, die im zwölften Satz dann doch noch eine Fehler in ihren Geschichten entdeckten, hatten damit ein Ende. Ganze Verzeichnisse an Geschichten entstanden, konnten bequem auf Diskette transportiert werden, selbstgefundene Fehler waren im Nu ausgebessert und vor allem mußte eine einmal verfaßte Geschichte nicht noch einmal geschrieben werden, wenn sie für die "Nachrichten aus dem Klassenrat", mit Illustrationen oder Photos versehen, am Ende des Schultags mit nachhause genommen werden sollte. Parallel dazu arbeiteten die Kinder auch mit der Freinet-Druckerei, denn damit konnten die Überschriften bunt gemacht werden, mit dem Computer war das nicht möglich.

Überhaupt hatten die Kindern wenig Schwierigkeiten, mit dem für sie neuen Medium umzugehen - ganz im Gegenteil zu vielen Erwachsenen. Mit der Zeit kamen immer mehr Computer dazu, alle reichlich veraltet, aber genauso wie der erste als Schreibmaschinen wunderbar einzusetzen.
Anfang der 3. Klasse kam ich günstig an ein Multimedia-taugliches Gerät, das ich mit Hilfe der Klassenkassa mit CD-Laufwerk und Soundkarte ausstattete. Damit stand uns auch die multimediale Welt der CD-ROMs offen.
Was aber verbindet nun die Welt Célestin Freinets aus den 20er-Jahre mit dem Zeitalter der Bits und Bytes am Ende dieses Jahrhunderts?

Freinet-Pädagogik hat sich immer schon für neue Techniken interessiert und versucht, sie den Kindern im Sinne einer aktuellen und modernen Bildung zugänglich zu machen. Dabei ist sie nie in die Falle gegangen, die jeweils neusten Medien als einzig wahre Antwort auf bisherige Probleme und Mißstände zu propagieren, im Gegenteil: Neuerungen müssen sich erst einmal bewähren, in der Praxis erprobt werden, auf ihre Tauglichkeit getestet sein - und zwar von den Kindern selbst, nicht von Erwachsenen, die eine fiktive "Kindgemäßheit" ohne Rücksicht auf die tatsächlichen Kinderinteressen als ihr eigenes, unantastbares Revier betrachten.


Freinet-Pädagogik hat auch immer klar zwischen einsetzbaren Techniken und den grundlegenden Prinzipien einer Pädagogik, die vom Kind und seinen Interessen ausgeht, unterschieden. Die Druckerei in der Klasse macht noch lange keinen Freinet-Unterricht aus. Genauso wenig zeugt der Computer im Klassenzimmer von der Modernität des dort stattfindenden Unterrichts. Und was nützt das teuerste Gerät, wenn die KlassenlehrerInnen nicht damit zurecht kommen?
Als ich meine ersten Erfahrungen mit einem Computer machte, war er für mich auch nichts anderes als eine große Schreibmaschine, die jeden Unsinn professionell aussehen ließ und mich immer wieder in tiefer Ratlosigkeit vor der hämisch blinkenden Eingabeaufforderung sitzen ließ.

Heute ist der Computer für mich immer noch vor allem eine Schreibmaschine, zum Glück bin ich aber nicht mehr so ratlos. Ich habe keinen Kurs besucht, die Anleitungsbücher hätten genauso gut auf Westsibirisch verfaßt sein können, erst jetzt sind sie für mich von Nutzen, weil ich langsam die Fragen stellen kann, ohne die alle Antworten unverständlich bleiben. Ich habe - genauso wie heute die Kinder in meiner Klasse - einfach herumprobiert und mir die Ergebnisse meiner Spielereien genau angeschaut. Vor allem eines habe ich dabei gelernt:
Computer sind nicht kompliziert, im Gegenteil. Sie sind auch nicht intelligent, sie sind nur schnell. Und sie sind beharrlich. Wer glaubt, Computer könnten Lebenswirklichkeit in irgendeiner Weise ersetzen, der irrt sich gewaltig. Ihnen mangelt es an jeder Variationsfähigkeit, sie können alles nur auf eine einzige Art. Vielleicht ist das der Grund, warum Kinder mit dem für viele ihrer LehrerInnen völlig undurchschaubaren Rechner so viel unbefangener und ohne Verbitterung über dessen scheinbare Widerspenstigkeit umzugehen verstehen:
Das Funktionsprinzip der Programm ist, einmal durchschaut, tatsächlich kinderleicht.

Der zweite Teil dieses Artikel erscheint in der nächsten Ausgabe.
Christian Schreger
Christian Schreger

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