Freinet in Bits und Bytes
oder Wie Computer und Bleisatz doch zusammenpassen - Teil 2


Der alte 286er mit Schwarzweißmonitor und kaputter Tastatur, mein erster "Kindercomputer", wurde mir vom Vater eines Schülers gebracht. Ich habe damit herumprobiert, mich über den Einbau eines Diskettenlaufwerks getraut, einmal ohne Rücksicht auf möglichen Datenverlust in den Systemdateien gewühlt, verschiedene Programme getestet und dabei immer ein möglichst einfaches, kinderfreundliches Arbeiten vor Augen gehabt. Schließlich konnte ich das Schreibprogramm in einer Minimalausstattung installieren, mit dem ich bisher selbst gearbeitet hatte. Das halte ich für besonders wichtig: Man darf den Kindern nicht einfach die scheinbar "kindgemäßen" Lernspiele vorsetzen, man kann ihnen ruhig zutrauen, mit "Erwachsenenprogrammen" zu hantieren. Wie sollten sie sonst den Umgang damit lernen und Verständnis dafür entwickeln?
Mahboob und florian am Computer Ich habe keine Spiele am Computer installiert. Mit der Zuckerlmentalität, mit der die meisten LehrerInnen, die einen Computer in der Klasse stehen haben, ihren Kindern gegenüber agieren, kann ich nichts anfangen: "Du warst brav, jetzt bist du schon fertig mit der Arbeit und darfst Computerspielen." Oft sind das die gleichen LehrerInnen, die sich lauthals darüber beschweren, daß Kinder heutzutage nur noch mit Fernseher und Bildschirm aufwachsen.
Für mich selbst ist der Computer eines von vielen Werkzeugen, mit denen ich kreative Arbeit leisten kann und das es mir - wie es nun einmal Wesen eines Werkzeugs ist - ermöglicht, Dinge zu tun, die sonst nicht machbar wären. Wenn man Kindern ebenfalls einen solchen Zugang ermöglicht, braucht man sich keine Sorgen um deren seelische Verarmung vor der Bildröhre zu machen.
Kinder haben die seltene Fähigkeit, aus fast allem etwas Eigenes, Phantasievolles zu gestalten. Ich freue mich jedes Mal wieder über die lustigen mathematischen Texte, die nach ein paar Zeilen der versuchten geometrischen Ausrichtung in den freien, bildnerischen Ausdruck abgleiten, wie schön, wenn sich die starren Zahlenreihen in schwingende Halsketten verwandeln, aus den Buchstabenformen wieder Figuren werden, die ihrer Form wegen da sind und nicht wegen der ihnen zugeordneten Bedeutung. Sie sind dann wieder genau das, was sie am Anfang ihrer langen Reise in die Abstraktion einmal waren.
Die Computer-Ecke Für die heutigen Kinder ist der Computer und die Arbeit mit ihm in der einen oder anderen Form fixer Bestandteil ihres Lebens. Wenn ich meinen Kindern gegenüber erwähne, daß es in meiner Kindheit noch keine Videorekorder gegeben hat, dann kommt ihnen das vorsintflutlich vor wie mir als Kind die Schellacks meiner Großeltern.
Mittlerweile sind die Kinder meiner Klasse natürlich viel vertrauter mit dem Medium Computer als vor drei Jahren. Manche haben die Rechtschreibkorrektur entdeckt, mit der sie ihre Texte nach dem Eintippen nach Fehlern durchsuchen und so lange Änderungen vornehmen, bis das Programm endlich nichts mehr findet. Andere haben sich einfache Grafikprogramme als Möglichkeit zur Illustration ihrer Geschichten zunutze gemacht. Es gibt die Spezialisten und Fachleute, die einspringen, wenn einmal ein Klassenkollege nicht weiter weiß. Wieder andere Kinder haben sich in die digitalen Lexika vertieft, die wir mittlerweile auch besorgt haben: Die Suche nach Stichworten zu bestimmten Themen bereitet ihnen wenig Schwierigkeiten, die Zugriffsmöglichkeiten, die multimediale Aufbereitung durch Bild, Ton und Film oder Animation tun ein übriges, um Lehr- und Lernstoff interessant und merkbar zu machen.
Wie sehr die Kinder den Computer zwar als Werkzeug schätzen gelernt haben, ihm aber nicht die dominate Stellung einer sie beherrschenden Maschine überlassen, zeigte sich am Ende der dritten Klasse, als plötzlich eine Kinderzeitung um die andere hergestellt wurde.
Viele Kinder wollten zwar die Texte, die sie in den letzten beiden Schuljahren geschrieben und eingetippt hatten von mir ausgedruckt bekommen, meist aber nur als Vorlage, um die Geschichten dann in Handschrift noch einmal zu Papier zu bringen. "Das schaut viel schöner aus", war das gängige Argument auf meine Fragen.
Auch an Stadtschulrat und Unterrichtsministerium ist die wachsende Bedeutung der digitalen Medien und ihres möglichen Einsatzes im Unterricht nicht spurlos vorübergegangen. Immer wieder kommen Studenten- oder LehrerInnengruppen in unsere Klasse, um sich diesen Teilaspekt des Unterrichtsgeschehens einmal aus der Nähe anzusehen. So groß das Interesse auch sein mag, die rechtliche Grundlage für den Einsatz von Computern in den Klassen ist noch immer nicht gegeben.
Eigentlich dürfte man das gar nicht, schließlich sind Elektrogeräte Stromfresser und wer soll das denn bezahlen?
Einen weiteren Punkt in dieser Richtung stellt die Notwendigkeit dar, auch Medien wie das Internet in die Unterrichtsarbeit einzubeziehen oder zumindest die Möglichkeiten zur Nutzung von Mailboxsystemen zu erhalten. Der wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung des Internets muß heute bereits mit (teuren) Fortbildungskursen für Berufstätige begegnet werden, wieviel einfacher (und billiger!) käme es, Klassen mit den nötigen Telefonleitungen auszustatten und damit den Kindern von Anfang an Gelegenheit zum Erlernen der Grundlagen der Telekommunikation zu bieten?
Druckerei und Computer Das vierte Schuljahr mit Computern in der Volksschule (mittlerweile sind es sechs Kindergeräte, davon drei mit Multimediaausstattung) hat gerade begonnen und in diesen Jahren ist der Markt an brauchbarer Software deutlich gewachsen. Programme bieten heute manchmal die Möglichkeit, zwischen den Sprachen umschalten zu können, eine ideale Bereicherung für den Fremdsprachenunterricht. Aus elektronischen Lexikas lässt sich mit Mausklick auf themenverwandte Internetseiten zugreifen, monatliche Aktualisierungen sind via Datenfernübertragung eine Sache von ein paar Minuten. Aktuelle Bereiche des Lebens, der Forschung und des Wissens sind so nahezu in Echtzeit in die Klassen zu holen, unmittelbar weiterbearbeitbar und ganz einfach in das Klassenleben zu integrieren.
Freinet wäre vermutlich einer der ersten gewesen, der den Computer in eine Schulklasse gestellt hätte: Nichts anderes hat er ja damals, vor gut 80 Jahren, mit der ersten Druckerpresse auch getan.
Christian Schreger
Christian Schreger

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